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Die FIFA: Ein Symbiosepartner für Autokraten

  • Frederic, S2
  • 14. Juni
  • 6 Min. Lesezeit

Derzeit findet die Fussball-Weltmeisterschaft statt. Die Fahnen dürfen mal wieder für knapp sechs Wochen in der Luft wehen, das ersparte Taschengeld wird für Panini-Sticker ausgegeben und auf den Musikboxen läuft auf Dauerschleife „Waka Waka“ von Shakira. Doch in den letzten Jahren macht sich ein neuer Trend bemerkbar. Immer öfter vergibt die FIFA ihr kulturverbindendes Turnier an autokratisch-regierte Länder wie Russland 2018, Katar 2022 und Saudi-Arabien 2034. Die dortige Verletzung der Menschenrechte und der Missbrauch von Arbeitskräften zum Bau der Stadien öffneten den Weg für hitzige Debatten. Auch die USA steht als Gastgeber der diesjährigen Ausgabe für ihren brutalen Umgang durch ICE-Agenten mit Migranten, der Einschränkung der Pressefreiheit sowie ihren Angriffskrieg auf den Iran in der Kritik. Der Präsident des FC St. Pauli Oke Göttlich forderte vom DFB gar einen Boykott. Nur warum entscheidet sich die FIFA aktiv dafür, eben solchen Ländern die internationale Bühne zu bieten?


Grundsätzlich stehen die persönlichen Interessen der FIFA-Rats Mitglieder im Vordergrund. Dieser Rat besteht neben Präsident Gianni Infantino aus 36 weiteren Abgeordneten. Auch unser DFB-Präsident Bernd Neuendorf ist dort Mitglied und erhält jährlich dafür eine Viertel Millionen Dollar als Prämie. Der Rat funktioniert dabei wie ein Exklusivklub. Um weiterhin Mitglied zu bleiben und diese Geldsumme zu erhalten wird allgemein jede noch so kontroverse Idee Infantinos unterstützt, in diesem Fall die Vergabe der Weltmeisterschaft an die bereits genannten Länder. Das gilt auch für den gesamten FIFA-Kongress, bei dem jeder einzelne Verband vertreten ist. Einzig Norwegens Verbandspräsidentin Lisa Klaveness prangerte die in den Gastgeberländern herrschenden Probleme öffentlich an und verurteilte die FIFA für die Vergabe der WM 2022 an Katar. Korruption ist in der FIFA also Alltag, was den eigen auferlegten Statuten des FairPlays widerspricht.


„Wenn das Geld im Kasten klingt…“

Die absurden Ideen Infantinos unterliegen primär einem Ziel: Geld. So bekamen die USA aufgrund einer größeren TV-Reichweite den Zuschlag zur WM 2026. Mitbewerber Marokko ging deshalb leer aus.

Zudem steigen die Ticketpreise täglich an. Die günstigsten Tickets fürs Finale kosten inzwischen schon mehrere tausend Dollar. Während früher feste Preise vorgeschrieben waren, die einer bestimmten Sitzkategorie angehörten, bestimmen neuerdings Angebot und Nachfrage den Preis, um die Einnahmen zu maximieren - die Gelddruckmaschine: "Dynamic Ticketing". Dadurch wird der Fussball immer mehr zu einem Luxusgut, das sich nur Spitzenverdiener leisten können. Die einfache Bevölkerung profitiert von dem Turnier fast gar nicht. Im Gegenteil: Viele Amerikaner*innen, die sich ohnehin nicht besonders für Fussball interessieren, regen sich über angestiegene Kosten des öffentlichen Nahverkehrs auf. Ganze 105 Dollar kostet beispielsweise eine Zugverbindung von Manhattan bis nach New Jersey, dem Ort an dem am 19. Juli das Finale gepfiffen wird. Parkplatzpreise liegen doppelt so hoch. Doch auch in diesem Fall schweigen die Verbandsvertreter und Funktionäre innerhalb der FIFA. Infantino  rechtfertigt die ausufernden Preise mit der eigenen Stellung in der Unterhaltungsbranche


Als Günstling am Hofe des Präsidenten

Nicht zuletzt spielen dessen persönliche Beziehungen für einen reibungslosen Ablauf der Turniere  und einer Unterstützung seitens der Regierung eine wichtige Rolle.

Fremdenfeindlich motivierte Einreiseverbote der US-Regierung gegen Fans aus diversen Entwicklungs- und Schwellenländern wie Haiti werden dafür in Kauf genommen.

Insgesamt sind 39 Länder von diesen Regelungen betroffen. Das sind ganze 81% aller Teilnehmer.


Auch Spieler und Mannschaftsbetreuer wurden rücksichtslos an ihrer Einreise gehindert oder müssen in ihrer Turnierplanung mit Behinderungen rechnen.

Der irakische Stürmer Aymen Hussein wurde ganze sieben Stunden am Flughafen festgehalten, bis ihm die Einreise gewährleistet wurde. Der Fotograph der Mannschaft wurde sogar ganz abgewiesen. Die iranische Nationalmannschaft musste als eine direkte Folge des Irankriegs ihr Quartier kurzfristig nach Mexiko verlegen und darf nur für Spiele in den USA einreisen, um den Luftraum am gleichen Tag wieder zu verlassen.

Und zu alledem schweigt die FIFA. Ex-Nationalspieler Thomas Hitzlsperger sieht darin Infantinos Versuch, die Gunst des US-Präsidenten zu gewinnen, damit das Turnier möglichst ohne spontane Eingriffe stattfinden kann. Es werden Rekord-Einnahmen von 11 Millionen Dollar erwartet. Da erscheint es logisch, dass alles reibungslos ablaufen soll.


Obwohl Infantino als Präsident der FIFA zu politischer Neutralität verpflichtet ist, ließ er in diesem Sinne extra für Donald Trump den sogenannten „Friedenspreis“ entwerfen, ein Preis für „jene, die mit ihrem unermüdlichen Einsatz und besonderen Aktionen dazu beitragen, Menschen auf der ganzen Welt in Frieden zu vereinen.“ Das dies in keinster Weise auf Donald Trump zutrifft, ist sowohl in seiner Migrationspolitik, als auch in seinen Militäroperationen in Venezuela und dem Iran deutlich geworden und steht nicht zur Debatte. Die Einführung dieser, in diesem Kontext äußerst fragwürdigen Auszeichnung wurde noch nicht einmal mehr transparent dem FIFA Kongress mitgeteilt und markiert den Weg Infantinos zu einem Diktator eines skrupellosen Wirtschaftsunternehmens. Dabei war „Transparenz“ eines der Schlagwörter, die ihm 2016 zum Sieg der FIFA-Präsidentschaftswahl verhalfen.



Als größtes Sportereignis der Welt dient die WM dem US-Präsidenten hingegen als lukrative Propaganda-Maschine. Laut Infantino soll er dem Weltmeister die Trophäe übergeben dürfen und wird somit im Rampenlicht stehen. Schon 2022 gingen Bilder mit Katars Emir Tamil bin Hamad Al Thani um die Welt. Er trieb seine eigene Inszenierung noch auf die Spitze, als er dem umjubelten Lionel Messi vor der Pokal-Übergabe ein arabisches Gewand umlegte, ein symbolisches Zeichen einer Fußball-Krönung für dessen einzigartige Karriere. Dass mehr dahinter steckt, ist nicht auszuschließen.

Daneben soll das Turnier als „Brot und Spiele fürs Volk“ genutzt werden, um von den zuvor erwähnten Problemen inlands abzulenken, auch wenn dies im Konflikt mit der Preispolitik der FIFA steht. In gewisser Hinsicht besteht dabei eine Ähnlichkeit zu den olympischen Spielen 1936 in Nazi-Deutschland oder die WM 1978 während der Militärjunta in Argentinien, als sich beide Länder nach außen weltoffen und friedlich präsentierten, während gleichenorts Regimegegner in Gefängnissen inhaftiert und gefoltert wurden.


Infantino bestimmt die Regeln

Auch Saudi-Arabiens Kronprinz Mohammed bin Salman hat das Potenzial solcher Veranstaltungen erkannt und lockte die FIFA mit hohen Investitionssummen, zu denen Infantino nicht nein sagen konnte. Der arabische Ölkonzern Aramco, der größte seiner Art, wurde umgehend zum Hauptsponsor der diesjährigen Weltmeisterschaft ernannt. Der Köder funktionierte perfekt, Infantino hebelte für das große Geld sämtliche Regeln der FIFA aus.

Um die WM 2034 in Saudi-Arabien zu erzwingen, wurden die Bewerbungen mehrerer Länder zusammengelegt. Dass sich dadurch die CO2-Emissionen aufgrund längerer Flugstrecken noch weiter erhöhen als ohnehin schon, erscheint Infantino nicht der Rede wert und wird in der FIFA nicht diskutiert.

Durch die Rotationsregel, eine Regel, die eine kontinentale Durchmischung der Gastgeberländer gewährleistet, kam infolge praktisch nur der Ölstaat infrage. Dessen Verantwortung sei es laut der FIFA auch, die Menschenrechtslage zu überprüfen. Der Fussball-Verband Saudi-Arabiens (SAFF) veröffentlichte dazu eine sehr oberflächliche Stellungnahme, in der Behauptungen mit unzureichenden Scheinargumenten untermauert werden. So hebt die SAFF hervor, Teil mehrerer Organisationen zu sein, die es sich zur Aufgabe gemacht haben, die Menschenrechte zu schützen.

Doch von konkreten Problemen im Land wie der eingeschränkten Meinungsfreiheit, den fehlenden Rechten von Homosexuellen und vor allem der unzureichende Schutz von Gastarbeitern wie sie unter anderem von der Menschenrechtsorganisation Amnesty International dargestellt werden, ist fast nie die Rede. Stattdessen werden angebliche Ziele in Bezug auf die Integration von Frauen und Menschen mit Behinderungen in den Raum geworfen. Die Umsetzung dieser Ziele wird unzureichend erklärt und würde an den bestehenden Gesetzen nichts verändern. Es ist der Versuch einer linearen Erörterung, die im Schulunterricht mit der Note „ungenügend“ bewertet werden würde.


So will die FIFA trotz einer eigenen Ethikkommission erst gar nicht mit diesen Themen konfrontiert werden. Auf kritische Nachfragen wird inzwischen gar nicht mehr eingegangen. Allgemein steht die materialistische Mangelbefriedigung der FIFA-Funtionäre über den eigenen Grundwerten des FairPlays, der Transparenz und nicht zuletzt über den Menschenrechten. Autokraten sehen in diesen Idealen einen lukrativen Geschäftspartner, der genutzt werden will, um das eigene Image in der Welt aufstrahlen zu lassen.


Wie reagiert der DFB?

Bei der letzten Weltmeisterschaft in Katar führten die miserablen Arbeitsbedingungen vieler Gastarbeiter und dortige Lage der Menschenrechte zu polarisierenden Debatten. Der DFB sah sich in der Folge gezwungen, mit der sogenannten One-Love-Binde ein symbolisches Zeichen gegen die fehlenden Rechte Homosexueller zu setzen. Dass dies von der FIFA unterbunden wurde, die sich auch dort politisch zeigte, hatte einen gewissen Anteil am sportlichen Aus der Nationalmannschaft in der Gruppenphase und brachte keinen gewünschten Effekt mit sich.

Die Spieler wurden dagegen regelrecht mit Fragen um Stellungnahmen zu den Umständen in Katar durchlöchert, die sich so nicht mehr auf das Turnier fokussieren konnten.



Der DFB zog daraus seine Lehren und plant dieses Mal keine derartige Aktion, um sich vollständig auf den sportlichen Erfolg konzentrieren zu können. Sportdirektor Rudi Völler wünscht sich dementsprechend eine Zurückhaltung der Spieler bei politischen Fragen, um ein mediales Echo wie bei der letzten Ausgabe zu vermeiden. Ein Boykott wie ihn Oke Göttlich als Vize-Präsident des DFB und Präsident des FC St. Pauli im März noch öffentlich in Erwägung gezogen hatte, kommt überhaupt nicht mehr infrage. Er erntete sogar viel Kritik innerhalb der DFB-Führung. Die zentrale Rolle von FIFA-Präsident Gianni Infantino in Bezug auf die Vergaben wird zudem kaum thematisiert. Dass es bei den WM-Vergaben keineswegs fair zugeht ist nirgends Thema.


Kein Wunder: Der DFB ist ja selber Teil dieses Systems und muss mitspielen, um wirtschaftliche Konsequenzen sowohl innerhalb der FIFA-Strukturen, als auch bei Turnieren wie der Weltmeisterschaft zu vermeiden. So wollen wir doch hoffen, dass es sich wenigstens sportlich für uns lohnt, an der WM in den USA teilzunehmen.

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