top of page

Leserbrief zu "Bericht der Vollversammlung vom 15.4.2026" von Frau Wendt

  • Gastbeitrag
  • vor 3 Tagen
  • 7 Min. Lesezeit

Aktualisiert: vor 2 Tagen

Liebe Emilia, liebes Osscar-Team,


ich habe lange überlegt, wie eine - für mich persönlich passende - Antwort auf euren „Bericht“ zur SVV im Blog lauten könnte. Ich verfasse diese Antwort nicht als Mitglied der Schulleitung, sondern als Lehrerin am CvO Maike Wendt.


Als ich mich vor sieben Jahren bewusst an dieser Schule bewarb, haben mich die vertretenen Werte und die Haltung der Schulgemeinschaft dazu bestärkt, Teil dieser Gemeinschaft sein zu wollen und diese aktiv mitzugestalten. Wir haben gemeinsam mit Schulsprecher-Teams Carls Tage organisiert, haben Schüler*innen motiviert an Fridays-for-Future oder „Gegen Wehrdienst“ Demos teilzunehmen und sind selbst mitgelaufen. Wir haben in den Gremien und an Ganztagskonferenzen Schülerteams dabeigehabt und ich habe die Zusammenarbeit immer sehr geschätzt und unterstützt. Das Feedback der Schüler*innen und deren Input in die Gestaltung von Schule und Schulentwicklung war immer ein wichtiges Thema für mich.


In einer Demokratie gehört der Disput und das „Aushalten können“ unterschiedlicher Meinungen zur DNA. Das kann herausfordernd sein und immer wieder auch unbefriedigend bleiben. Das oberste Prinzip dabei ist: Sich aktiv zuhören, aufeinander Bezug nehmen und gemeinsame Lösungen finden.


Als Rechtlehrerin bin ich auch damit vertraut, dass rechtliche Spielräume ausgelotet werden können und gestaltet werden können, solange man damit nicht die Basis, auf welcher sich das rechtliche System befindet, in Frage stellt. Unsere Basis sind die freiheitlich demokratischen Grundrechte und in der Schule die verwaltungsrechtlichen und schulrechtlichen Grundsätze im Speziellen.


Unser Namensgeber Carl von Ossietzky, Herausgeber der Weltbühne, schrieb im Rahmen seines Prozesses gegen ihn und die „Weltbühne“ folgende Zeilen:

„Über eines möchte ich keinen Irrtum aufkommen lassen, und das betone ich für alle Freunde und Gegner und besonders für jene, die in den nächsten achtzehn Monaten mein juristisches und physisches Wohlbefinden zu betreuen haben: – ich gehe nicht aus Gründen der Loyalität ins Gefängnis, sondern weil ich als Eingesperrter am unbequemsten bin. Ich beuge mich nicht der in roten Sammet gehüllten Majestät des Reichsgerichts, sondern bleibe als Insasse einer preußischen Strafanstalt eine lebendige Demonstration gegen ein höchstinstanzliches Urteil, das in der Sache politisch tendenziös erscheint und als juristische Arbeit reichlich windschief.“

– „Rechenschaft“: Die Weltbühne, 10. Mai 1932, S. 690.


Die augenblickliche Diskussion erscheint mir, als würdet auch ihr (du) euch gegen ein „Unrechtsregime“ zur Wehr setzen und euch als „unbequeme, lebende Demonstration“ inszenieren.


Aber: Wogegen? Ihr besitzt alle Freiheiten, Wohlstand und Unterstützung. Ihr und niemand an dieser Schule ist ein „politisch Verfolgte/r“ und muss fürchten, eine unangenehme Konsequenz zu erleiden, weil er/sie eine abweichende Meinung vertritt. Im Gegenteil: Wir ermutigen Schüler*innen unbequem zu sein und für die eigenen Rechte einzutreten. Es ist die Aufgaben einer jungen Generation kritische Fragen zu stellen und etwas „anders“ zu machen.


Ich möchte an dieser Stelle keine Vorwürfe wiederholen und auf wahr und unwahr hinweisen. Es geht allein um die Art des Diskurses und die „Wahl der Waffen“.


Ihr habt euch im Unterricht mit der Presse als 4. Gewalt beschäftigt und in kritischer Auseinandersetzung mit Inhalten im Netz gelernt, welche Gefahren und welche Möglichkeiten das geschriebene und veröffentlichte Wort bergen.

Ihr beruft / Du beruf(s)t euch / dich bei deiner Veröffentlichung auf die Grundsätze der Presse- und Meinungsfreiheit. Möglicherweise ist dir noch nicht bewusst, dass unterhalb dieser obersten Ebene weitere Regelungen in Gesetzen, Verordnungen und Verpflichtungserklärungen bestehen, die durchaus eine gewisse Beschränkung bedeuten können: z.B. Der sogenannte Pressekodex, eine Selbstverpflichtung von Print- und Online Presseschaffenden:



Hier:


Recherche ist unverzichtbares Instrument journalistischer Sorgfalt. Zur Veröffentlichung bestimmte Informationen in Wort, Bild und Grafik sind mit der nach den Umständen gebotenen Sorgfalt auf ihren Wahrheitsgehalt zu prüfen und wahrheitsgetreu wiederzugeben. Ihr Sinn darf durch Bearbeitung, Überschrift oder Bildbeschriftung weder entstellt noch verfälscht werden. Unbestätigte Meldungen, Gerüchte und Vermutungen sind als solche erkennbar zu machen. Symbolfotos müssen als solche kenntlich sein oder erkennbar gemacht werden.


Bei der Veröffentlichung von Umfrageergebnissen teilt die Presse die Zahl der Befragten mit, den Zeitpunkt der Befragung, die Fragestellung sowie wer die Umfrage in Auftrag gegeben hat. Zugleich muss mitgeteilt werden, ob die Ergebnisse repräsentativ sind.

Sofern die Umfrage auf eigene Initiative des Meinungsbefragungsinstitutes entstanden ist, soll dies bei der Veröffentlichung der Umfragedaten vermerkt werden.


Der Artikel ist in beiden Punkten zu kritisieren.

Aber sehen wir uns doch einmal an, worum es im Artikel geht:


Ein Schulsprecherteam berichtet den Schüler*innen auf einer Vollversammlung über die Aktivitäten und üben Kritik.


Eine völlig normale Angelegenheit und eher wenig spektakulär, wären nicht Andeutungen zu

„Vorfällen“ gemacht worden (welche mit Rücksicht auf den Schutz der Person umbenannt bleiben) und die Behauptung aufgestellt worden wäre „niemand“ (Schule / Lehrkräfte) hätte etwas unternommen, nur das Schulsprecherteam. Hier verweis auf Ziffer 2-Sorgfalt. Behaupte nichts, was du nicht belegen kannst, oder mache diese als Vermutung kenntlich. Sonst handelt es sich um „Bild-Zeitungsmanier“.


Einige Schüler*innen (anonym) äußern sich zu den Vorwürfen.


Hier Richtlinie 2.1 Wie viele Schüler*innen wurden befragt? Wie konnte man sich äußern? Gab es

standardisierte Frageauswahl? Gab es auch andere Stimmen? Zu diesem Teil kann man nur sagen:

Lernt, wie man das richtig macht, oder lasst es. Hier soll offensichtlich ein Eindruck von „Rückhalt in der Schülerschaft“ erzeugt werden, der jedoch geübte Leser*innen nicht überzeugen, sogar eher verstören und abstoßen kann. Ob sich ungeübte, jüngere Leser*innen davon überzeugt fühlen? Es wäre möglich und damit ist diese Art der „pseudo-fundierten Berichte“ verwerflich. Jüngere Schüler*innen, die sich noch kein fundiertes Meinungsbild bilden konnten, werden in einer Weise beeinflusst, die bestehende Vertrauensverhältnisse schädigt.


Fazit:

Der Artikel ist in seiner jetzigen Form mangelhaft und tendenziös. Ich würde mir mehr seriösen,

kritischen Journalismus wünschen und echte Themen.


Ich hoffe, du / ihr könnt die Kritik annehmen, denn auch das gehört zum Journalismus: Wer veröffentlicht, macht sich und seine Position sichtbar, damit auch angreifbar gegen Kritik. Ich habe meine Kritik begründet und sachlich vorgetragen und hoffe, ihr / du könnt diese annehmen und verstehen. Vielleicht könnt ihr euch in einem Gedankenspiel mal in die Position der Lehrkräfte am CvO versetzen? Das hilft davor sich zu verrennen.


Eine gute Regel für Veröffentlichungen ist: Schreiben, liegen lassen – darüber nachdenken, anderen zum Lesen geben und dann erst veröffentlichen. (Kann ich aus eigener Erfahrung sagen 🙂)


Ich könnte noch einiges zu rechtlichen und schulischen Dingen schreiben, aber nur, wenn ihr / du das möchtet.


Mit besten Grüßen von einer (bisher treuen) Leserin


Maike Wendt


Erwiderung

von Emilia Beeck, 11.3


Frau Wendt hat auf meinen Artikel geantwortet – ausführlich und

öffentlich. Ich habe ihren Brief sorgfältig gelesen und nehme die

Kritik ernst. Deshalb möchte ich sie ebenso sorgfältig beantworten.

Punkt für Punkt.


Pressekodex-Kritik


Selbst wenn man den Pressekodex als Orientierungsmaßstab

anlegt, trifft Ziffer 2 auf meinen Artikel nur

bedingt zu. Die Aussage, dass sich Schülerinnen alleingelassen

fühlten, habe ich nicht selbst aufgestellt – ich habe sie als Zitat

kenntlich gemacht und die Quelle transparent benannt. Die Zitate

sind auch nicht „anonym“, sie sind pseudonymisiert, um die

Persönlichkeitsrechte von Minderjährigen zu schützen. Eine

Reporterin, die O-Töne wiedergibt, macht sich deren Inhalt nicht zu

eigen. Das ist journalistisches Grundprinzip. Richtlinie 2.1 des

Pressekodex regelt Umfrageergebnisse, also repräsentativeBefragungen mit Fallzahl, Zeitpunkt und Auftraggeber. Die

Interviews in meinem Artikel sind keine Umfrage im Sinne dieser

Richtlinie, sondern kenntlich gemachte Einzelaussagen. Die

Verwechslung beider Formate ist ein handwerklicher Fehler in der

Kritik, nicht in meinem Artikel.


Ossietzky-Analogie


Frau Wendt zitiert Carl von Ossietzky und deutet an, das

Schulsprecherteam inszeniere sich als Verfolgte ohne realen

Verfolgungsgrund. Diese Deutung hat ein Problem: Niemand in

meinem Artikel hat sich als politisch Verfolgten bezeichnet, weder

ich als Autorin noch das Schulsprecherteam in den von mir zitierten

Aussagen. Die Analogie ist eine Zuschreibung, die Frau Wendt

selbst vornimmt – und dann widerlegt. Das Argument ist also von

der Kritikerin aufgestellt worden und hat weder etwas mit meinem

Text noch mit meiner Intention zu tun.


„Lernt, wie man das richtig macht, oder lasst es“


Dieser Satz verdient eine gesonderte Betrachtung, nicht weil er

besonders scharf ist, sondern weil er in einem Brief steht, der sich

ausdrücklich um Sachlichkeit bemüht und der von einer Lehrerin

stammt, die didaktische Leiterin unserer Schule ist.

Schülerzeitungen existieren, weil Schülerinnen und Schüler

Journalismus lernen sollen – durch Ausprobieren, durch Fehler,

durch Kritik. „Lernt, wie man das richtig macht, oder lasst es“ ist

keine Kritik, die dabei hilft. Es ist eine Drohung mit dem Schweigen

als Alternative. In einem pädagogischen Kontext ist das

bemerkenswert: Eine Lehrerin, die Schüler*innen sagt, sie sollten

aufhören zu schreiben, wenn sie es nicht perfekt können, schneidet

den Lernprozess ab, den sie gleichzeitig einfordert. Dieser Satz

hätte in einem Brief, der Medienkompetenz einfordert, nicht stehen

dürfen.


Die zentrale Auslassung


In meinem Artikel kommen Schülerinnen zu Wort, die berichten,

sexuelle Gewalt erlebt oder beobachtet zu haben. Sie sind

namentlich der Redaktion bekannt, im Text geschützt. Sie erklären,

bei keiner erwachsenen Person an der Schule Unterstützung

gefunden zu haben. Ich habe diese Aussagen als das

wiedergegeben, was sie sind: Stimmen aus der Schülerschaft.

Sie stehen als dokumentierte Wahrnehmungen im Artikel,

nicht als mein Urteil über die Schule.


Frau Wendts Brief enthält zu diesen Aussagen keinen einzigen

Satz inhaltlicher Auseinandersetzung.


Stattdessen widmet er sich der Frage, ob meine Interviewmethodik

den Standards des Deutschen Presserats entspricht, eines

Gremiums, das für unsere Schülerzeitung gar nicht zuständig ist.

Ein Brief, der auf dokumentierte Aussagen über mögliche

Schutzpflichtverletzungen ausschließlich mit Formkritik antwortet,

setzt Prioritäten. Diese Prioritäten sind im vorliegenden Brief für alle

Leser*innen sichtbar.


Form und Fiktion


Frau Wendt schreibt, sie verfasse ihre Antwort „nicht als Mitglied

der Schulleitung, sondern als Lehrerin“. Das ist eine

Unterscheidung, die die Schulwebsite nicht kennt: Dort ist Frau

Wendt ausdrücklich als „didaktische Leiterin“ und als Teil des

Schulleitungsteams aufgeführt. Diese Unterscheidung existiert für

die Leserinnen und Leser dieser Schülerzeitung also nicht nur

faktisch nicht – sie ist nachweislich falsch. Frau Wendt ist Mitglied

der Schulleitung, sie bewertet öffentlich einen Artikel einer Schülerin

und fordert implizit Korrekturen. Das institutionelle Gewicht dieser

Intervention ist unabhängig von ihrer Selbstbeschreibung – undwird dadurch, dass diese Selbstbeschreibung nachweislich falsch

ist, nicht kleiner, sondern größer.


Fazit


Ich begrüße Medienkritik. Ich begrüße den Hinweis auf

handwerkliche Standards und werde beides in meiner weiteren

Arbeit berücksichtigen.

Was ich zurückweise: die Gleichsetzung von Formkritik mit

inhaltlicher Widerlegung – insbesondere dann, wenn die

herangezogenen Formstandards auf unsere Redaktion gar nicht

anwendbar sind. Dass Schülerinnen in Interviews erklärt haben,

sich mit Erfahrungen sexueller Gewalt alleingelassen gefühlt zu

haben, ist durch keinen Verweis auf den Pressekodex aus der Welt

geschafft. Ich habe diese Stimmen dokumentiert. Ob die

geschilderten Erfahrungen zutreffen, ist nicht meine Aussage, aber

es ist eine Frage, die beantwortet werden müsste. Von den

Richtigen.


4 Kommentare

Mit 0 von 5 Sternen bewertet.
Noch keine Ratings

Rating hinzufügen
freudigunglaublicherlemming
vor 2 Stunden
Mit 5 von 5 Sternen bewertet.

Frau Wendt wurde gemogged.

Gefällt mir

teamsupportee
vor 7 Stunden
Mit 5 von 5 Sternen bewertet.

Wir stimmen Emilia zu, da wir finden dass das ein sehr wichtiges Thema ist. Frau Wendt hat sich auf das rechtliche fokussiert statt auf das wahre Problem, und zwar sexuelle Gewalt. Frau Wendt, als Mentorin sollte die Kritik sachlich halten und die Schülerzeitung motivieren sich zu verbessern, wenn sie findet das sie sich verbessern sollen anstatt sie zu demütigen. Dies ist ein seriöses Thema, welches nicht übersehen werden soll. Egal, ob eine Gefahr tatsächlich besteht oder nicht, allein die Möglichkeit löst bei vielen Schülerinnen und Schülern Angst aus. Gerade deshalb ist es besonders wichtig, dass die Schule als ein Ort wahrgenommen wird, an dem sie sich geschützt und sicher fühlen können, da sie dort einen großen Teil ihres Alltags verbringen.

Gefällt mir

emotionalmagischerhase
vor einem Tag
Mit 5 von 5 Sternen bewertet.

Was ein Quatsch, gut, dass die Schülerzeitung das nicht so stehen lässt.

Gefällt mir

fabelhaftvitalerdelfin
vor einem Tag
Mit 5 von 5 Sternen bewertet.

Man hat das Gefühl, dass Frau Wendt bewusst von den kritischen Fragen abgelenkt. Wir sollten den Fokus wieder darauf legen, worum es eigentlich geht: Wie sorgen wir dafür, dass sich die Schülerinnen hier sicher fühlen?

Gefällt mir
bottom of page