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Der perfekte Schultag - Lernen wir zur falschen Zeit?

  • Mika, S2
  • 14. Juni
  • 6 Min. Lesezeit

Der Wecker klingelt mal wieder viel zu früh, der Kopf ist noch halb im Schlaf und und im Klassenraum ist man zwar anwesend, aber nicht wirklich konzentriert dabei. Genau das ist Alltag für viele Schülerinnen und Schüler. Doch wenn der Schultag schon so beginnt, stellt sich die Frage, ob ein so früher Start wirklich sinnvoll ist und ob anspruchsvolle Fächer oder Klassenarbeiten nicht besser auf eine Zeit gelegt werden sollten, in der Schülerinnen und Schüler wacher, aufnahmefähiger und konzentrierter sind.


Warum sind viele Jugendliche morgens müde?

Dass viele Schülerinnen und Schüler morgens müde in der Schule sitzen, ist nicht einfach nur eine Einbildung. In der Pubertät verschiebt sich der Schlafrhythmus oft nach hinten. Viele Jugendliche werden abends später müde, müssen morgens aber trotzdem früh aufstehen. Dadurch schlafen sie unter der Woche häufig zu wenig. Empfohlen wird eine Schlafdauer von mindestens acht bis zwölf Stunden.

Auch Studien beschäftigen sich mit genau diesem Problem. Besonders passend ist eine Untersuchung an einem Gymnasium nahe Aachen. Dort konnten ältere Schülerinnen und Schüler wählen, ob sie um 8 Uhr oder erst um 9 Uhr mit dem Unterricht beginnen. Das Ergebnis: Wer später anfing, schlief im Durchschnitt länger. Die Schülerinnen und Schüler gingen dadurch nicht automatisch später ins Bett, sondern gewannen tatsächlich Schlaf dazu. Auch das Ärzteblatt berichtet, dass Schlafforscherinnen und Schlafforscher einen Unterrichtsbeginn um 9 Uhr für sinnvoll halten.

Für Christian Gartmann, Beratungslehrer des CvO, spricht Einiges für einen späteren Schulstart:

„Für einen späteren Schulbeginn spricht, dass man damit dem natürlichen Schlafrhythmus vieler Jugendlicher entgegenkommen würde. Vorausgesetzt natürlich, dass sich dadurch nicht einfach alles noch später nach hinten verschiebt und sie nicht noch später ins Bett gehen. Und dann ist es natürlich eine politische Frage, inwieweit man bereit ist, sich als Institution Schule und als Gesellschaft darauf einzulassen.“

Allerdings sagt er auch, dass die Schule nicht losgelöst vom Rest des Lebens existiere. Die

Schülerinnen und Schüler hätten Hobbys und private Termine, denen sie nachgehen und

die fänden nunmal am Nachmittag statt. Die Eltern gehen ja in der Regel auch irgendwann morgens aus dem Haus. Da müsse man sehen, dass so eine Idee nur unter Einbeziehung von Sportvereinen, Musikschulen und so weiter zu denken sei.

"Mit einem einfachen Entweder oder ist es wahrscheinlich nicht getan, wenn man allen Schülerinnen und Schülern gerecht werden möchte. Vielleicht ist ja eine Gleitzeit mit individueller, offener Lernzeit eine Option. Das setzt natürlich voraus, dass die Schülerinnen und Schüler, wissen, wie sie individuell lernen und zudem alle Aufgaben im Blick behalten, wenn sie morgens dem Ausschlafen den Vorzug geben."
Wann sind Schülerinnen und Schüler am konzentriertesten?

Für Herrn Gartmann ist in der zweiten Doppelstunde die Konzentration am höchsten. Aber so pauschal könne man das nicht sagen, denn da spielten so viele andere Sachen wie Alter, Vorstunde, Fach mit rein.

Ganz zufällig ist dieser Eindruck nicht. Gerade Jugendliche sind morgens oft noch nicht sofort voll leistungsfähig, weil sich der Schlafrhythmus in der Pubertät nach hinten verschiebt. Die Zeitschrift Spektrum der Wissenschaft beschreibt dazu, dass 8 Uhr für viele Jugendliche zu früh zum Lernen ist, weil ihre innere Uhr später läuft. Auch die Universität Tübingen hat sich mit dem Zusammenhang zwischen Schlaftyp und Schulleistung beschäftigt. Dabei wurde deutlich, dass es einen Unterschied macht, ob jemand morgens schnell wach ist oder erst später am Tag konzentriert arbeiten kann. Für den Stundenplan bedeutet das, dass anspruchsvolle Fächer nicht automatisch zu jeder Tageszeit gleich gut funktionieren. Besonders die erste Stunde ist für viele wahrscheinlich nicht die beste Zeit, um komplizierte neue Inhalte aufzunehmen. Eine spätere Stunde am Vormittag kann deshalb sinnvoller sein, weil man dann schon im Schultag angekommen ist.


Sollten Klassenarbeiten lieber später am Tag geschrieben werden?

Beim Thema Klassenarbeiten wägt Herr Gartmann ab:

"Meine jetzige sechste Klasse habe ich für den Rest des Schuljahres freitags in 1ab und in 3ab. Da war für mich vollkommen klar, dass wir die letzte Klassenarbeit in Deutsch in 1ab schreiben und nicht erst in 3ab, wenn der Kopf schon voll ist mit tausend anderen Eindrücken ist. Häufig erlebe ich es bei den Schülerinnen und Schülern auch so, dass sie froh sind, wenn die Arbeit früh geschrieben wird. Nach dem Motto: ‚Dann habe ich‘s hinter mir.‘ Für eine neunte oder zehnte Klasse kann das schon wieder ganz anders aussehen.“

Bei Klassenarbeiten geht es nicht nur darum, wer den Stoff gelernt hat. Es geht auch darum, in dem Moment konzentriert genug zu sein, um das Gelernte abzurufen. Genau deshalb spielt die Uhrzeit eine wichtige Rolle. Die Universität Tübingen weist darauf hin, dass der persönliche Schlaftyp mit schulischen Leistungen zusammenhängen kann. Für Jugendliche, die morgens biologisch noch nicht richtig wach sind, kann eine Arbeit direkt zu Beginn des Tages deshalb schwieriger sein. Gleichzeitig ist sehr später Unterricht auch nicht ideal, weil nach mehreren Stunden schon viele Eindrücke im Kopf sind. Eine Klassenarbeit am späteren Vormittag wirkt deshalb wie ein guter Mittelweg. Nicht direkt nach dem Aufstehen, aber auch nicht erst dann, wenn die Konzentration schon wieder nachlässt.


Wie können Schülerinnen und Schüler auch nach einem langen Tag ihre Energie wieder herstellen?

Aber nicht nur am frühen Morgen leiden Schülerinnen und Schüler unter Müdigkeit und Konzentrationsmangel. Auch im Laufe des Tages lässt die Aufnahmefähigkeit oft nach, besonders wenn bereits mehrere Stunden Unterricht hinter einem liegen. Deshalb sind Pausen umso wichtiger.

Herr Gartmann rät zu kleinen Auflockerungen oder sogenannten "Energizern" auch während des Unterrichts:

"Ein paar Hampelmänner zwischendurch oder Arme ausschütteln und pantomimisches Äpfelpflücken. In der Mittagspause wirklich mal nichts tun, ein kurzer Powernap oder ein bisschen Bewegung wie beim neuen Sportangebot in der Mittagspause von den Sportlern und Herrn Bajramovic oder mit Freunden quatschen. Das sind Erholungsinseln, die Energie geben. Wenn dann aber von 13:10 Uhr bis 13:55 Uhr gezockt oder digital gewischt wird, würde ich behaupten, fällt der Erholungseffekt geringer aus.“

So könne Bewegung dabei helfen, nach längeren Unterrichtsphasen wieder konzentrierter zu werden. Das Deutsche Schulportal beschreibt, dass schon kurze Bewegungseinheiten im Unterricht etwas bringen können. Dabei geht es nicht um eine komplette Sportstunde, sondern um wenige Minuten Bewegung, die Aufmerksamkeit und Konzentration wieder anregen. Gerade nach langem Sitzen kann das einen Unterschied machen. Pausen sollten deshalb nicht nur aus Handyzeit oder schnellem Raumwechsel bestehen. Frische Luft, Bewegung oder einfach ein paar Minuten ohne Bildschirm können helfen, wieder klarer im Kopf zu werden. Für einen langen Schultag sind solche Unterbrechungen wichtig, damit man nicht nur körperlich anwesend ist, sondern auch wieder besser mitarbeiten kann.


Das Problem mit den Smartphones

Herr Gartmann sieht vor allem in den Smartphones eine Gefahr für die Erholungsqualität:

„Bei all dem, was gesagt wurde, hat der Faktor Smartphone, was den Einfluss auf gesunden Schlaf betrifft, mittlerweile eine noch größere Bedeutung. Im Forscherkurs Zeit haben wir mal ausgerechnet. Wenn jemand mit 15 Jahren jeden Tag bis zu seinem Lebensende vier Stunden, was laut Schüleraussage realistisch ist, am Smartphone bei TikTok oder ähnlichem verbringt, ohne groß zu interagieren und wirklich nur wischt, wischt, wischt und keine Videos länger als zwei bis sieben Sekunden gehen, dann würde er, angenommen er wird 85 Jahre alt, 11,6 Jahre seines Lebens ausschließlich dieser Tätigkeit widmen. 11,6 Jahre und zwar 24/7.“

Der Gedanke passt auch zu aktuellen Zahlen zur Handynutzung. Die JIM-Studie 2025 zeigt, dass Jugendliche in Deutschland durchschnittlich knapp vier Stunden täglich am Smartphone verbringen. Mit dem Alter steigt diese Bildschirmzeit sogar noch weiter an.

Viele kennen das wahrscheinlich selbst. Man möchte nur kurz etwas anschauen, scrollt weiter und merkt erst später, wie viel Zeit vergangen ist. Besonders abends kann das schnell zum Problem werden, weil sich das Schlafengehen dadurch weiter nach hinten verschiebt. Genau dann wird der nächste Morgen noch schwieriger. Ein spätererSchulstart kann also helfen, aber das Smartphone bleibt trotzdem ein wichtiger Grund dafür, warum viele Schülerinnen und Schüler morgens müde im Unterricht sitzen.


Ein gewinnbringender Schultag hängt nicht allein von einem späteren Schulbeginn ab. Trotzdem zeigt sich, dass der frühe Start für viele Jugendliche ein echtes Problem sein kann, weil ihr Schlafrhythmus oft nicht zum Stundenplan passt. Ein Beginn um 9 Uhr oder mehr Flexibilität am Morgen könnte deshalb helfen, ausgeschlafener und konzentrierter in den Tag zu starten. Gleichzeitig müsste so eine Veränderung gut geplant werden, damit Hobbys, Familie und die Freizeit der Schülerinnen und Schüler nicht zu kurz kommen. Am sinnvollsten wäre daher ein Schultag, der Lernzeiten, Pausen und Erholung besser aufeinander abstimmt. So könnten Schülerinnen und Schüler nicht nur physisch anwesend sein, sondern auch wirklich konzentriert und aufnahmefähig lernen.


Ein besonderer Dank geht an Herrn Gartmann, mit dem ich dieses spannende Interview

führen durfte.

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