Wie ein 50 Jahre altes Album mehr zu sagen hat, als Taylor Swift und Co.
- Federic, S3
- 23. Feb.
- 5 Min. Lesezeit
Als der ehemalige Sänger von Pink Floyd Syd Barrett am 5. Juni 1975 unangekündigt die Aufnahmestudios von Abbey Road betrat, musste Bassist Roger Waters weinen. Vor Jahren war Syd wegen psychischer Probleme aus der Band geschieden und gerade zu diesem Zeitpunkt arbeitete Pink Floyd an ihrem 9. Album „Wish You Were Here“, welches eben genau das traurige Schicksal von Barett thematisiert. Knapp 50 Jahre später bin ich fasziniert von diesem Werk, welches zu Recht als ein einzigartiges Monument der Musikgeschichte gilt. Du fragst dich jetzt bestimmt, was das Album eben so einzigartig und besonders macht? Ich will es dir erklären.
Wer war Pink Floyd?
Nun muss ich aber vorerst klären, was es mit der Band genauer auf sich hat. Pink Floyd war ursprünglich eine 1964 gegründete britische Rockband namens Sigma 6, die aus einigen Mitgliederwechseln und Namensänderungen 1965 als The Pink Floyd Sound heraustrat, was später zu Pink Floyd gekürzt wurde. Der Name geht zurück auf die Blues-Musiker Pink Anderson und Floyd Council, die Syd Barrett zu dem Namen inspirierten. Die Hippie-Bewegung ab 1967 kam der Band mit ihren kreativen Köpfen, allen voran Barrett, zu Gute und eröffnete ihr mit ihrem ersten Album „The Piper at the Gates of Dawn“ (1967) den Weg zu erster Bekanntheit. Sie waren also ein zentraler Teil der Psychedelic Rock-Bewegung mit dessen unterschiedlichen Einflüssen aus dem Rock, der klassischen Musik, der Nutzung von ungewöhnlichen Instrumenten, wie der indischen Sitar, experimentellen Harmonien und Songstrukturen. Nachdem ja Barrett wegen seiner psychischen Probleme, in diesem Fall Realitätsverlust und Halluzinationen, hervorgerufen durch exzessiven Drogenkonsum, 1968 die Band verlies und Gitarrist David Gilmour ihn ersetzte, begann sich ihr Sound zum Progressive Rock zu verändern. Die Strukturen wurden durchdachter und natürlicher. Außerdem erreichte ihre Musik auch eine gewisse inhaltliche Tiefe, die beispielhaft in „Wish You Were Here“ zu finden ist.
Inhaltliche Tiefe
„Wish You Were Here“ bespricht neben der schweren Folgen psychischer Erkrankungen am Schicksal Syd Barretts noch weitere tiefgreifende Themen, wie Kritik an der kalten und künstlerisch befremdlichen Musikindustrie, die Pink Floyd erstmals in hohem Maß nach ihrem massiven Erfolg mit ihrem Vorgängeralbum „The Dark Side of the Moon“ (1973) erleben musste. Der Song „Have a Cigar“ zeugt davon, wie auch der Track „Welcome to the Machine“, der die falschen Versprechungen dieser geldgierigen Institution thematisiert.

Du siehst, die inhaltliche Komplexität unterscheidet das Album von vielen anderen und ist somit auch nichts für den allgemeinen Pop-Playlistkonsumenten, denn die Songs sind teilweise sehr lang und cinematisch aufgebaut, wie der Intro-Song „Shine On You Crazy Diamond (Pt. I-V)“ (umgangssprachlich „Shine On“), welcher sich erstmal acht Minuten Zeit lässt, bis Waters poetischer Gesang einsetzt. So dauert der Song insgesamt knapp 13 Minuten.
Der sicherlich emotionalste Song ist der Titelsong „Wish You Were Here“. Er steht natürlich auch im Hintergrund der Barrett-Tragik. Vor allem aber wollte Waters seine Isolation, hervorgerufen durch den Erfolg und den dazugehörigen Druck, verarbeiten. In dieser emotionalen Leere fühlt er sich mit Barrett verbunden und beschreibt sich beide als „verlorene Seelen“ auf der Suche nach dem Sinn des Lebens und ihrer vergeblichen Bemühungen, da Waters trotz Erfolg und Reichtum nicht glücklicher wurde.
Besonderheiten
Auch die Umsetzungen der Botschaften sind besonders, sowohl im Aufbau, als auch musikalisch. Die Instrumentation unterstützt die Aussagen der Songs, vor allem in „Welcome to the Machine“, findet unser Musiklehrer Herr Vogler, mit dem ich zu diesem Album ein Interview geführt habe. Die dortigen hohen Synthesizer-Klänge heben die emotionale Kälte der Musikindustrie hervor. In „Shine On“ verkörpert das berühmteste Leitmotiv (eine Melodie, welche symbolisch für eine Emotion, eine Figur oder einen Ort steht) der Rockmusik, in vier disharmonischen Noten von Gitarrist David Gilmour umgesetzt, den verwirrten Syd Barrett, welches Waters Poesie, geprägt von Metaphern, Vergleichen und Kontrasten (Antithesen) vorangeht und dich in diese traurig-cinematische Atmosphäre eintauchen lässt.
Neben Gilmour zollt auch Richard Wright, der Keyboarder der Band, per Solo seinen Tribut an den Gefallenen bzw. „Gefangenen“ (daher auch die Nummerierungen Pt. I-V und später im Outro Pt. VI-IX). Dass somit jedes Bandmitglied eine Stimme bekommt, macht das Album noch emotionaler und persönlicher als ohnehin schon.

Wofür Pink Floyd für dieses Album, als auch allgemein bekannt und innovativ ist, ist die spezifische Nutzung von Alltagsgeräuschen, wie z.B. Herzpochen, Uhrenticken oder auch Fabrikgeräuschen. Halt das, was symbolisch zum Thema eines Songs passt. Die Tür zu Beginn von „Welcome to the Machine“ wirkt beispielhaft als lebendiges Eintrittstor in die harte Musikindustrie, während der Wind in „Wish You Were Here“ Vergänglichkeit, Kälte und Isolation andeutet, passend zum oben genannten Thema des Songs. Gleichzeitig dient er als Übergang zu dem Outro „Shine On You Crazy Diamond (Pt. VI-IX)“. Diese Übergänge halten also die Stücke auch als ein Gesamtkunstwerk zusammen.
Die Idee, das anfänglich über 25 Minuten lange „Shine On“ in zwei Hälften zu teilen, geht auf Waters zurück. So umschließen die musikalisch äußerst ähnlichen Abschnitte den Rest des Albums und halten es als tiefgreifendes und emotionales Gesamtkunstwerk im Rahmen der Eindrücke bezüglich Barett zusammen.
Eine weitere Besonderheit, die Herr Vogler aufgefallen und typisch für den Sound von Pink Floyd, als auch für den Progressive Rock im Allgemeinen ist, stellen Genre-Mischungen dar. Die Musik bewegt sich hier so zum Beispiel zwischen dem Blues-Rock und dem Jazz. Dadurch kommen auch unerwartete Instrumente wie das Saxophon zum Schluss von „Shine On (Pt. I-V)“ zur Nutzung.
Heutiger Bezug
Vor allem heutzutage aber ist das Album „Wish You Were Here“ so relevanter, wie nie zuvor. Psychische Gesundheit ist noch mehr in den Fokus der Öffentlichkeit gerückt, denn die Ursachen werden leider immer größer. Das sind z.B. gegenwärtige Krisen, wie die Folgen der Corona-Pandemie, ebenso die Inflation und die Angst vor neuen militärischen Auseinandersetzungen in Form von Kriegen.
Viele Menschen leiden an Depressionen oder Ängsten und entwickeln daraus einhergehende Psychosen. Sowohl die Anzahl betroffener Leute, als auch die Selbstmordrate ist in den vergangenen Jahrzehnten fast exponentiell gestiegen. Auch Isolation ist für uns ein sehr wichtiges Thema, gerade für uns Jugendliche. Viele erlebten erstmals in der Pandemie, was es bedeutet, isoliert und abgeschottet zu sein. Verstärkt wird dieses Problem durch den übermächtigen Konsum von Social Media. Ich sehe täglich so viele Menschen sinnlos auf TikTok scrollen, weil sie denken, es befriedigt sie oder sie würden sich sonst langweilen. Vielleicht wünschen sie sich auch einen Gegenüber. Wie Roger Waters möchte ich hiermit dazu zum Schluss die Frage stellen: „Running over the same old ground, what have we found?“ - Was haben wir in dieser Monotonie gefunden?
Und was jetzt?
Wer Interesse bekommen hat und „gehypt“ worden ist oder wer von den älteren Leser*innen nostalgisch geworden ist, sollte gerne hinein hören und versuchen, „Wish You Were Here“ als eine unvergleichliche, in sich geschlossene Erfahrung zu verstehen sowie als einen Appell an unsere Gesellschaft mit ihren Problemen. Wie erwähnt werden einige sicherlich schnell von der Länge und Schwere der Songs, einem Gegenstück zu unserer heutigen Konsumkultur, gelangweilt werden. Trotzdem lohnt es sich meiner Meinung nach, sich für diese Musik zu öffnen. Außerdem sind Menschen mit höherer Offenheit in jungen Jahren tendenziell auch toleranter in späten Jahren. Weiter empfehle ich auch andere Alben von Pink Floyd, wie das bereits angesprochene „The Dark Side of the Moon“ oder auch „Animals“ (1977), inspiriert von George Orwells sozialkritischen Roman „Farm der Tiere“.

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